Teil 1 der Blogreihe „Daniel in Italien“: fare una bella figura

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Mein Leben in Umbrien. Über Fettnäpfchen, Augenöffner, Erkenntnisse & fallende Groschen.

Mein Leben in Umbrien, beziehungsweise in Italien, ist mit Fettnäpfchen geradezu gepflastert. In manche davon bin ich schon getreten. In andere habe ich direkt eine Arschbombe gemacht. Um den Weg zu räumen, gilt es, das Land und die Leute kennenzulernen.

Wie funktioniert Umbrien, beziehungsweise Italien?

Ich meine nicht politisch, sondern im Generellen. Wenn man in einem Land nicht nur für ein paar Tage Urlaub macht, sondern fest dort wohnt, dann eröffnen sich immer tiefere Einblicke in Gepflogenheiten, Triebfedern, Traditionen und in die verschiedenen, regionalen Nuancen. Und doch bleibt vieles davon verborgen. Zumindest, bis es einem direkt ins Gesicht springt.

Man lernt die Sprache. In meinem Fall brockenweise. Man versteht immer mehr und traut sich mit zunehmender (und vermeintlicher) Sicherheit, die gelernten Brocken auch einzusetzen. In meinem Fall mal mit mehr, meist aber derzeit noch mit deutlich weniger Erfolg. Sehr zum Amüsement meiner Gesprächspartner:innen, meiner Frau, unseren Freunden und – ja – auch meinem eigenen.

Da möchte ich dich natürlich nicht ausschließen. Und vielleicht schaffe ich es mit dieser Blogreihe über mein Leben in Umbrien, dir den einen oder anderen Fettnapf aus dem Weg zu räumen.

Was mir auf meiner Entdeckungsreise durch Umbrien im Besonderen und Italien im Allgemeinen sehr hilft, das ein ganz tolles Buch, aus dem ich mir immer wieder gerne die Inspiration als auch ein paar Beispiele für diese Blogreihe hole. Die Rede ist von dem Buch „La bella figura“ von Beppe Severgnini. Großartig! Absolute Leseempfehlung meinerseits. Die deutsche Übersetzung des Buchs ist unter dem Titel „Überleben in Italien“ zu finden.

Der erste Eindruck in Italien ist figurbetont

Italien ist schön. Die Menschen, die hier leben, sind es auch. Und zwar ganz bewusst. „Fare una bella figura“ kann man sinngemäß mit „einen guten Eindruck machen“ übersetzen. Und doch lässt diese Redewendung tiefer in die Seele des Landes blicken. Fare una bella figura – eine schöne Figur machen – deutet klar darauf hin, dass die Italiner:innen bei der ersten Begegnung zunächst anscheinend weniger Wert auf den zwischenmenschlichen Eindruck, sondern auf das Erscheinungsbild legen. Das zeigt sich bei bewusstem Hinsehen in ganz vielen Situationen.

Wenn du beispielsweise am Flughafen oder einem größeren Bahnhof ankommst, dann schau mal auf die vielen Werbeplakate. Bei technischen Dingen wie beispielsweise Autos geht es nur am Rande um die Features. Viel wichtiger ist es, wie man darin aussieht. Das Sales-Team im Handy-Shop kann dir zwar nur oberflächlich erklären, was das neuste Smartphone alles kann. Aber dafür sehen die Damen und Herren hinter dem Counter unglaublich gut aus. Die Ladys, die im italienischen Nachrichtensender das Wetter präsentieren, sind teils so aufreizend gekleidet, dass man sich in Deutschland schon Gedanken über den Jugendschutz machen würde.

Die Flugbegleiter:innen einer italienischen Airline schweben hochgestylt mit einer … wie soll ich sagen? … fast schon angenehmen Arroganz die Gangway entlang. Sie anzusprechen, erfordert Mut, den ich für Lappalien wie ein extra Glas Wasser nicht aufbringe. Und doch sind sie bei handfesten Problemen (mein Handkoffer hat nicht in das Fach gepasst) völlig unkompliziert, sagenhaft freundlich, wenn nicht sogar fast schon mütterlich und mit einem zauberhaft schönen Lächeln für einen da.

Italien ist Style ist Italien

Wurst, Wein und Versace

In Sachen Mode zählt Italien zu Recht zu den absoluten Trendsettern. Viele der erfolgreichsten Luxus-Fashion Labels haben ihre Wurzeln in Rom und in Mailand. Und dieser Sinn für Mode ist tief in der DNA der modernen Italiener:innen verankert. Klar lässt sich auch hierzulande nicht jeder Mensch über einen Kamm scheren, aber im Vergleich zur alljährlichen, am Gardasee stattfindenden, vorwiegend deutschen „Jack Wolfskin triff Adiletten-Demo“ sind uns die Leute hier um mehrere Laufstege voraus. Dabei sieht man auch in Italien Menschen, die nicht aus einem Modemagazin gesprungen sind. Geschmäcker sind nun mal verschieden. Doch ist es fast immer augenscheinlich, dass sich hier jeder und jede über das eigene Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit viele Gedanken macht.

Tatsächlich bin ich mittlerweile selbst so weit, dass ich mir blitzschnell die Jogginghose und meinen ranzigen Kuschelpulli vom Leib reiße, direkt in eine ordentliche Jeans springe und mir ein frisches T-Shirt anziehe, bevor ich ein Paket von der Postbotin entgegennehme.

Nicht etwa im Dorf.

Sondern rund zwanzig Schritte vom Kleiderschrank entfernt vor unserer Haustür.

Und was bedeutet das für deinen Urlaub in Umbrien?

Ganz ehrlich: nichts. Sei wie du bist. Bleib dir treu. Du bist Gast hier und wirst in Umbrien auch im gerippten Unterhemd, Bermudashorts, weißen Tennissocken und Adiletten herzlich willkommen geheißen. Immer vorausgesetzt, dass du dich nicht völlig danebenbenimmst. Aber das gilt bis auf dem Ballermann in Malle wohl überall auf der Welt. Andererseits erfährst du aber auch Anerkennung, wenn du gut gekleidet auftrittst und eine bella figura abgibst.